Viola Rohner

Viola Rohner wurde 1962 in Männedorf (CH) geboren und studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften und Psychologie in Zürich und Berlin. Langjährige Arbeit als Literaturveranstalterin und als Redaktionsmitglied der Literaturzeitschrift entwürfe. Längere Aufenthalte in Dänemark und den USA. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Zürich und Innsbruck. Sie arbeitet als Gymnasiallehrerin für Deutsch an der Kantonsschule Baden (AG) und leitet an der Volkshochschule Zürich in Kooperation mit dem JULL, dem Jungen Literaturlabor Zürich, angeboten wird.

Viola Rohner ist Absolventin des DramenProzessors am Theater an der Winkelwiese (2004/2005). Sie schreibt Prosa und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Sie erhielt verschiedene Werkbeiträge und Auszeichnungen. U.a. von PRO HELVETIA, Migros Kulturprozent und SSA (Société Suisse des Auteurs). Im Dezember 2013 erhielt sie den Lilly Ronchetti-Preis des AdS, im August 2014 ein ¾ Werkjahr des Kantons Zürich. 2018 gewann sie ein Atelierstipendium von PRO HELVETIA in Kairo.
‘Kairo ist wie ein Kondensat der Welt’

↓ ganzer Artikel anzeigen

Literatur. Die Schweizer Autorin Viola Rohner hat sich für drei Monate ins ägyptische Leben hineingeworfen. Morgen liest sie im Odeon Brugg.

Die ersten Tage flüchtete sie sich noch des öfteren in ein westliches Café. Kairo verschlug Viola Rohner den Atem. „So laut, so schnell, so luftverschmutzt.“ So baulich heruntergekommen auch. Die Fotos, die sie sich zu Hause in Zürich angeschaut hatte, seien offenbar geschönt gewesen. Das richtige Kairo, dieser 24-Millionen-Moloch, drohte sie nun zu überwältigen. Das war zu Beginn ihres dreimonatigen Künstlerinnen-Aufenthalts, zu dem Pro Helvetia sie eingeladen hatte. Doch Viola Rohner liess sich von Kairo nicht so schnell einschüchtern. Mit beharrlicher Sanftheit warf sie sich hinein ins Stadtgeflecht. „Sie kam sich vor wie ein grosses Ohr oder ein grosses Auge, das herumging“, denkt eine fiktive Autorin in einer ihrer Kurzgeschichten. Ein spätestens jetzt autobiographisch gewordener Satz. Viola Rohner ging in Quartiere, die manche Ägypter noch nie zu betreten gewagt hatten. Sie nahm Arabischunterricht. Sie traf regelmässig eine Flüchtlingsfrau aus Jemen. Und sie zog in eine WG mit einer jungen Ägypterin. Dass es dort so aussah, wie früher in den Zimmern ihrer pubertierenden Töchter - es war der 56-Jährigen egal. Sie habe sich bestens mit der lieben Mitbewohnerin verstanden. Und Mona war ihr Lexikon und Schlüssel zur Gesellschaft zugleich: Sie konnte sie alles fragen, sie lernte durch sie rasch viele weitere Einheimische kennen.

Praktischer Kurzhaarschnitt, Brille, dezente Kleidung, höfliches Auftreten. Viola Rohner, eine korrekte Schweizerin im chaotischen Kairo? Nicht zu viel auf solche Äusserlichkeiten zu geben, das lehren einen ihre Kurzgeschichten im neuen Band „42 Grad“. Eine brave Hausfrau sieht da zu, wie allmählich das tote Meerschweinchen der Tochter verfault. Eine rationale Assistenzärztin lässt sich auf einer Russlandreise zu einem sexuellen Abenteuer hinreissen, das auf einer Zugtoilette zum Höhepunkt kommt. Viola Rohner erzählt diese Geschichten so lakonisch wie eindringlich. „Ich weiss, dass das alles gleichzeitig existiert in uns Menschen“, sagt sie, „wir haben diese Widersprüchlichkeit in uns“. Die Geschichte „das Treffen“, in der sich eine junge Frau an den gewalttätigen Vater erinnert, ist gar zu weiten Teilen Viola Rohners eigene.

In der Schweiz würden stets die Fassaden gewahrt. Relative Armut gibt es auch, man sehe sie aber kaum. Und wenn wir ein Billig-T-Shirt im H&M kaufen, sehen wir die ausgebeuteten Näherinnen aus Bangladesh erst recht nicht. In Kairo aber, und das ist Viola Rohner am meisten eingefahren, liegen Arm und Reich offen für alle sichtbar nebeneinander auf der Strasse. Wo gut situierte Mittelständische in schönen Apartments leben, haust im selben Gebäude der Abwart mit seiner meist umfangreichen Familie in etwas, das mehr einem Loch denn einer Wohnung gleicht. Oder da holen Nachts auf Eselskarren die Armen den Abfall der Reichen ab, um ihn später von Hand zu sortieren. „Man kann sich dem Anblick der Armut hier kaum entziehen, kann sie nicht verdrängen - es sei denn, man lebt in einem Compound wie Beverly Hills.“

Sämtliche Probleme offen ansprechen, das können in Ägypten am ehesten noch Autoren. Als einzige Kulturschaffende werden sie hier nicht zensiert. Sie habe eine sehr lebendige Szene und äusserst selbstbewusste Autorinnen und Autoren angetroffen, erzählt Viola Rohner: „Sie sind stolz auf ihre Sprache, sie wissen, dass ihre Literatur gut und wertvoll ist.“ In der Schweiz dagegen herrsche das Bewusstsein vor, nur einen kleinen Teil der deutschsprachigen Literatur auszumachen.

Trotz ihrer Grösse sei die Kairoer Literaturszene eine einziger grosser Kuchen: „Alle sind miteinander befreundet.“ Als Viola Rohner an der Kairoer Buchmesse einen international vernetzten Verleger kennenlernte, führte diese Bekanntschaft rasch zur nächsten und so weiter. Alsbald wurde sie zu Lesungen an Schulen, am Literaturfestival und in Kulturzentren eingeladen. Und sie erfuhr so viel Gastfreundschaft, dass sie gegen Ende ihres Aufenthalts richtiggehend in „Sozialstress“ geriet.

Da Viola Rohner auch als Lehrerin an der Kantonsschule Baden arbeitet, hat sie sich besonders für das ägyptische Bildungssystem interessiert. Ein Primarlehrer, der 75 Kinder einer Klasse habe, verdiene monatlich 700 ägyptische Pfund, etwa 38 Franken. Denselben Betrag gebe eine mittelständische Familie für einen Abend im Restaurant aus. Ein Beispiel, das für Viola Rohner alles zusammenfasst, was schiefläuft. Wer es sich leisten kann, schickt seine Kinder an eine Privatschule. Doch so bleiben die Kinder der Armen ungebildet - und arm.

Sie habe hier „ganz tief erfahren, dass es mehr gibt, als die hochentwickelte Welt, wo jeder Spülknopf funktioniert“. Die heile Schweiz sei die Ausnahme. Ein Leben in Armut für den grösseren Teil der Menschheit die Regel. Und hier in Kairo erlebe man alles nebeneinander. Das sei ihr prägendstes Erlebnis, sagt Viola Rohner: „Kairo ist wie ein Kondensat der Welt.“

Bisher hat die Autorin vor allem psychologische Widersprüche im Inneren ihrer Figuren ausgearbeitet. Nach dieser Erfahrung möchte sie sich der Widersprüchlichkeit in einem universelleren Sinn zuwenden. Zudem gebe es erste Ideen für Bildungshilfsprojekte in Kairo. Kommt sie wieder? „Auf jeden Fall. Ich habe jetzt schon so viele Abmachungen!“
SUSANNA PETRIN, Kairo, Aargauer Zeitung, 3.4. 2019


„Viola Rohners Texte zeugen von einer ausgeprägten Empfindsamkeit und einem feinen Gehör für die leisen Zwischentöne. Die Autorin besitzt ein untrügliches Gespür für Farben und Schattierungen. Ihre präzise gesetzten Details verweisen auf ein grösseres Ganzes."
-Alexandra von Arx, Laudatio Lilly Ronchetti-Preis

„Mit geradezu heimtückischer Lakonie, mit einem aufreizend sachlichen Ton und mit wenigen, aber konturenscharfen Strichen lässt die Erzählerin ihre Figuren in kurzen Erzählungen hervortreten. Bald schockartig, bald mit sanfter Gewalt wird das Selbst- und Weltbild der Figuren um kleine Nuancen verschoben, aber stets ausreichend, um sie nachhaltig zu verstören.“
-Roman Bucheli, Laudatio Werkbeitrag Kanton Zürich




Kontakt

viola.rohner@bluewin.ch


Schweizer Autoren auf SFR